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Die berühmtesten Aufnahmestudios der Welt
TEXT ARNT COBBERS
Was ein Plattencover doch bewirken kann! Am 8. August 1969, um 11.30 Uhr, stoppte ein Polizist den Verkehr auf der mäßig befahrenen Straße im Nordwesten der City of Westminster. Ein Fotograf stellte sich auf eine kleine Klappleiter, vier Musiker überquerten den Zebrastreifen vor ihrem Aufnahmestudio, wie sie es schon Hunderte Male getan hatten – und nach zehn Minuten war ein Foto im Kasten, das zum berühmtesten Coverbild der Musikgeschichte werden sollte. Die vier Beatles kehrten zurück ins Gebäude hinter dem weißen Mäuerchen links auf dem Foto und legten letzte Hand an ihr Album, das ihr Schwanengesang wurde. Sie nannten es Abbey Road, nach dem Studio, in dem sie sieben Jahre lang all ihre Platten aufgenommen hatten. Und schufen damit einen Mythos, der bis heute nachwirkt. Die Studios der EMI am Rande der Londoner Innenstadt sind wohl die einzigen Tonstudios, deren Name man in aller Welt kennt. Noch heute pilgern täglich Hunderte zumeist junger Touristen – wenn’s geht, zu viert – in die ruhige Wohngegend von St. John’s Wood, um den heiligen Zebrastreifen zu überqueren und sich dabei fotografieren zu lassen. Noch immer verewigen sich täglich so viele Menschen auf der Steinmauer vor den Studios, dass kein Quadratzentimeter mehr frei bleibt – obwohl sie doch jedes halbe Jahr neu geweißt wird. Sie werfen sehnsüchtige Blicke auf das schmucklose Studiogebäude, beneiden die Menschen mit und ohne Instrumentenkoffer, die dort ein und ausgehen dürfen, und die wahren Fans setzen sich dann mit einer Flasche Wein auf den Bürgersteig und singen Beatles-Songs zur Gitarre. Klassik-Liebhaber sieht man keine unter den Touristen. Dabei hätten die mindestens ebensoviel Grund zu einem Ausflug zur Abbey Road Nr. 3.
Viereinhalb Meilen Kabel Denn seit Edward Elgar am 12. November 1931 den Taktstock hob, um die Studios mit der (in England heute „legendären“) Aufnahme seines Land of Hope and Glory einzuweihen, haben unzählige Musiker hier aufgenommen: Fritz Kreisler und Menuhin, Fischer-Dieskau und Casals, Rubinstein und Beecham, der gleich um die Ecke wohnte, Elisabeth Schwarzkopf, Karajan und all die anderen Stardirigenten und -solisten, die mit dem von Walter Legge eigens gegründeten Philharmonia Orchestra hier ihre Platten einspielten. Und viele der aktuellen Klassik-Größen. Die Geschichte der Studios beginnt im Jahre 1929, als die Manager der Gramophone Company (His Master’s Voice) beschlossen, einen eigenen Studiokomplex zu bauen. Sie kauften ein hundert Jahre altes Wohnhaus, richteten Büros und ein kleines Aufnahmestudio (Nr. 3) ein und ließen den großen Garten unter einem Backsteinbau verschwinden, der – bis heute – ein großes (Nr. 1) und ein etwas kleineres Studio (Nr. 2) beherbergt. Als der Komplex zwei Jahre später vollendet war, gab es einen neuen Bauherrn: Die Gramophone war inzwischen mit dem Rivalen Columbia fusioniert – zur EMI. Und die haute anlässlich der Eröffnung so richtig auf die Pauke: Unter der Überschrift „London’s Latest Wonder“ hieß es in der Pressemitteilung: „Das große Studio hat eine Bühne, auf der 250 Musiker Platz finden, der Zuschauerraum fasst 1.000 Menschen. Die Wände der Studios sind dafür ausgelegt, jegliches Echo zu vermeiden. Eine spezielle Klimaanlage gewährleistet, dass die Musiker das ganz Jahr hindurch unter komfortablen Bedingungen arbeiten können. Viereinhalb Meilen Kabel verbinden die drei Studios mit dem zentralen Kontrollraum. Es gibt Aufenthalts- und Ruheräume für die Künstler.“
Die Callas auf der Flucht In der Tat: Dies waren die ersten Aufnahmestudios der Welt, die eigens zu diesem Zweck gebaut waren. Anfangs lud man Publikum ein, um eine Konzertatmosphäre zu erzeugen, kam aber bald wieder davon ab. Musiker wie Elgar, Beecham und Karajan liebten das Studio, Maria Callas mochte es überhaupt nicht.
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