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London ist unglaublich vielseitig
Christoph von Dohnányi Christoph von Dohnányi über Londons Orchesterszene

Elf Jahre lang war der gebürtige Berliner und Wahl- Hamburger Christoph von Dohnányi Chefdirigent des Philharmonia Orchestra in London, in diesem Sommer hat er die Leitung an Esa-Pekka Salonen abgegeben. Der 78 -Jährige kennt London gut – und hat zugleich den nötigen Abstand. Er war 20 Jahre lang (davon zwei Jahre designierter) Music Director des Cleveland Orchester und leitet seit 2004 das NDR-Sinfonieorchester in Hamburg, wo er 1977 – 84 bereits Intendant der Staatsoper war.

Als Musikstadt ist London unglaublich vielseitig: Es gibt sechs große, sehr gute Orchester, viele kleinere Ensembles wie die London Sinfonietta oder das Orchestra of the Age of Enlightenment, man findet viel Kammermusik, es gibt interessante Liederabende in der Wigmore Hall, die ein großartiger Konzertsaal ist. Natürlich muss man interessante Programme anbieten, damit die Leute kommen, das ist in London nicht anders als in Hamburg. Und leider müssen sich die meisten Orchester und Ensembles in England sehr nach der Kasse richten. Nur zwei, das BBC Symphony Orchestra und das Orchester des Royal Opera House, werden komplett staatlich subventioniert, die anderen vier nur zu einem kleinen Teil. Da muss das Management viel Zeit ins Geldsammeln investieren, muss gute Verbindungen zur Stadt und zu potenziellen Mäzenen und Sponsoren aufbauen und pflegen. Eskann schon mal passieren, dass die Musiker ein paar Wochen auf ihr Geld warten müssen. Aber im allgemeinen arbeiten sie wahnsinnig viel und haben dadurch ein gutes Leben – wenn man nicht die erschreckend langen Anfahrten nach London hinein in Betracht zieht. Die meisten Musiker leben außerhalb, weil London einfach zu teuer ist.
Die englischen Musiker sind exzellent ausgebildet. Sie sind, wie die Amerikaner auch, sehr gute Vom-Blatt-Leser, kommen aber auch sehr gut studiert in die Proben – sofern sie Zeit gehabt haben, sich vorzubereiten. Darauf zu achten ist die Kunst des Managements. Der Dirigent kann davon ausgehen, dass man nicht sehr viel an technischen Problemen arbeiten muss und somit früh zum Musikmachen kommt. Die Musiker sind sehr engagiert vom ersten Ton an, die Professionalität ist hoch – weil sie hoch sein muss. Die Orchester müssen sich täglich bewähren, sie haben nicht die Sicherheit staatlicher Subventionen, wie man sie in Deutschland kennt.
Man arbeitet mit einem englischen Orchester anders als mit einem amerikanischen oder einem deutschen – obwohl die Musikwelt mittlerweile sehr international geworden ist und im Philharmonia Orchestra zum Beispiel sehr viele Nicht-Londoner sitzen. Trotzdem gibt es spezifische Eigenschaften, die man nicht so leicht definieren kann. Die Menschen sind überall anders, also muss auch das Musikmachen anders sein. Ein Punkt ist etwa die Probensituation. Da nehmen die Engländer Bedingungen hin, wo die Deutschen sagen würden: Das nicht! Wenn die Festival Hall nicht frei ist, muss man zuweilen in unmöglichen Hallen probieren, deren akustische Qualität nich  annähernd in die Nähe eines Konzertsaales kommt. Und die Musiker geben ihr bestes, ohne groß zu murren.
Da gibt es Probleme, die wir in Deutschland gar nicht kennen und denen man in Deutschland auch nicht so flexibel begegnen würde.
Die Frage der Konzertsäle ist ein leidiges Thema. In der Royal Festival Hall am Südufer der Themse, die gerade saniert worden ist, finden klassische Konzerte, aber auch viele Events statt. Das Barbican Centre hat auch einen anständigen, für mein Ohr aber nicht großartigen Saal, in dem vor allem das London Symphony Orchestra spielt. Aber der Stadt fehlt ein wirklich erstklassiger Saal für symphonische Musik, keine Frage. Und die Zeiten sind vorbei, wo das Publikum das einfach so hinnimmt. Es gibt viele Pläne, entschieden ist noch nichts. Aber ich bin mir sicher, es muss und wird bald etwas geschehen.
Dass in London die Zentralen der großen Plattenfirmen EMI, Decca, Warner sind, merkt man nicht mehr. Die Zeiten, da die Plattenbosse hinter die Bühne kamen, sind längst vorbei. Denen geht es noch schlechter als den Orchestern. Dabei hat die BBC neulich ein Beethoven-Konzert aus Glasgow im Internet zum kostenlosen Download freigegeben – und es wurde angeblich 1,4 Millionen mal runtergeladen. Ich glaube, die so genannte Krise der klassischen Musik ist vor allem eine Krise der Kommunikation, die Branche hat noch nicht verstanden, dass sich die Welt sehr schnell ändert. Nicht Mozart hat die Krise, sondern eher wir im Verhältnis mit ihm und seiner Zeit.
Die englische Symphonik lässt man in Deutschland meist links liegen, wie man es lange Zeit auch mit Sibelius oder Nielsen getan hat. Aber wenn man im deutschsprachigen Raum einen Brahms hat, wird man sich eher mit diesem Komponisten beschäftigen, um in der Lage zu sein, sein Werk weiterzugeben, bevor man sich zum Beispiel mit Elgar beschäftigt. Es gibt aber durchaus bedeutende englische Kompositionen, die man hören und lieben lernen sollte, unbedingt. Komponisten wie Thomas Adès, Mark Anthony Turnage; für mich ganz besonders auch Harrison Birtwistle, den ich für einen wirklich bedeutenden Musiker halte. Er schreibt heutige Musik, die trotzdem tief im 19. Jahrhundert verwurzelt ist, eine traditionsbewusste, klanglich sehr differenzierte, großartige Musik. Die liebe ich sehr.
Ein Lieblingsort in London, der mit Musik zu tun hat? Die Wigmore Hall für Kammerkonzerte und Liederabende. Und die Festival Hall für Symphonik, vor allem wenn das Philharmonia Orchestra spielt, eine Gruppe wahrhaft wunderbarer Musiker.

aufgezeichnet von ARNT COBBERS
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