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Es könnte so paradiesisch sein. Nie gab es so viel Musik, so viele interessante Stücke vom Mittelalter bis heute. Was gäbe es nicht alles zu entdecken. Doch die Konzertund CD-Programme sind statt Wundertüten meist biedere Kulturbeutel. Und das genügsame Publikum ist’s zufrieden. Muss das so sein?
TEXT JOACHIM MISCHKE
Das Klassik-Publikum ist nicht tot. Es benimmt sich nur so. Viel zu viele hören nur, was sie schon längst kennen, viel zu viele wollen nicht hören, was sie schon längst hätten kennenlernen sollen. Doch dazu gibt man ihnen oft gar keine Möglichkeit. Die enorme musikalische Vielfalt, aus der Intendanten, Künstler und Plattenfirmen nicht nur schöpfen könnten, sondern müssten, erschöpft sich viel zu oft darin, brav und berechenbar mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu kalkulieren. Doch Konzertprogramme müssen Wundertüten sein. Man müsste sich jedes Mal ärgern, wenn man keine mehr abbekommen hat. Die meisten sind aber lediglich Kulturbeutel. Tonangebend bei der Programm-Komposition ist der schlichte Des-Interesse-Dreiklang: Das haben wir schon immer gespielt; das haben wir noch nie gespielt; da könnte ja jeder kommen. Nur zur Erinnerung: Das ging auch mal ganz anders. Ob Bach, Beethoven oder Brahms, ob Mozart, Mussorgsky oder Mahler, sie alle waren zu Lebzeiten zeitgenössische Komponisten und wurden mit der größten Selbstverständlichkeit von ihren Zeitgenossen aufgeführt, gehört, diskutiert und bewundert. Feuchte Tinte war unverzichtbarer Bestandteil der Rezeptionskultur. Himmlische Zeiten. Heute hingegen landen Komponisten als sicherstes Zeichen kommerzieller Akzeptanz in derselben Verwertungsmaschinerie, die den Konsens- Bestand früherer Jahrhunderte mit übergroßer Ehrfurcht verwaltet. Der Neutöner wird zum Museumswächter ehrenhalber. Was der Klassik-Hörer nicht kennt, das mag er nicht. Beim Publikumsgeschmack scheint die Bauernregel über kulinarische Vorlieben von Landwirten bestens anwendbar zu sein. Weil so vieles als unbekannt und damit als zäh oder gar ungenießbar gilt, landen im immer ähnlich angerichteten Konzert-Speiseplan die immer gleichen Drei-Gänge-Menüs. Hehre Sinfonien dominieren als Hauptgang mit anerkanntem Nährwert, Virtuosen- Konzerte passen als Filet-Stücke zu allem und jedem. Dazu hin und wieder dicke, für manche schwerverdauliche Brocken von Bruckner, Mahler oder Schostakowitsch. Je nach Portionsgröße und Koch-Vorliebe wird mit Geschmacksverstärkern aus den barocken, klassischen oder spätromantischen Zutatenvorräten nachgewürzt. Wer mutig ist, rührt etwas klassische Moderne unter. Wer todesmutig ist, schmuggelt hier und da eine Dosis zeitgenössisches Kassengift in die Mitte seiner Sandwich-Programme, hoffend, dass diese verkappte Erziehungsmaßnahme nicht allzu deutlich auf Magen oder Moral der zahlenden Kundschaft durchschlägt. Fertig. Mahlzeit. Lecker? Einige wenige Ausnahmen bestätigen diese verhängnisvolle Berechenbarkeit nur noch. Man muss schon Cecilia Bartoli heißen und über viele Jahre auch so singen, um den als Akkord-Arbeiter Opern-Komponisten zu rehabilitieren oder um einen Salieri vom Mief des Mittelmaßes zu befreien. Es gibt solche programmatischen Glücksgriffe, die zeigen, wie viel unerhört Lohnendes es noch zu entdecken gibt. Es gibt Ensembles und Dirigenten, die harte Aufklärungs-Arbeit geleistet haben. Alte-Musik-Spezialisten wie das Freiburger Barockorchester oder die Akademie für Alte Musik Berlin, Neutöner wie das Ensemble Modern. Sich immer weiter aus den Repertoire-Reservaten vorwagende Spezial-Dirigenten wie René Jacobs oder Marc Minkowski, intellektuell taktierende Authentizitäts- Hardliner wie Nikolaus Harnoncourt, clevercharismatische Publikumslieblinge wie Esa-Pekka Salonen während seiner Zeit in Los Angeles oder den Chef-Berliner Simon Rattle, damals in Birmingham.
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