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Als Musiker bin ich Romantiker
Ian Bostridge wohnt mit Frau und Sohn in einem typischen viktorianischen Backsteinhaus im Stadtteil Kentish Town. Die Zimmer des Erdgeschosses sind vollgestopft mit Bücherregalen, der Salon im ersten Stock ist weiß gehalten und karg möbliert, an den Wänden hängt moderne Kunst. Dafür stapeln sich auf und neben dem Flügel im hinteren Teil des Raumes jede Menge Noten. LPs sind gegen die Wand gelehnt, auf einem alten Notenständer steht Schuberts „Winterreise“. Bostridge sitzt, lang und schlaksig, mit einer Tasse Kaffee (!) in einem Empire-Lehnstuhl und spricht eher leise, von draußen dringt Straßenlärm herein.
Mr. Bostridge, ich bin überrascht, dass Sie an einer so lauten Straße wohnen. Tja, das ist London ...
Wie ist es, als Musiker hier zu leben? London ist ein spannender Ort, kulturell passiert enorm viel. Ich habe immer in London gewohnt, ich bin in Süd-London aufgewachsen und dann hierher in den Norden gezogen, weil meine Frau von hier stammt. Es ist eine schöne Gegend: Hampstead Heath ist ein wunderschöner Park, nicht weit ist das Kenwood House mit einer großartigen Gemäldesammlung: Rembrandt, Boucher, Vermeer. Und eigentlich ist es ganz nah in die Stadt, am Sonntag fährt man mit dem Auto zehn Minuten. Man könnte ideal Rad fahren, aber das traue ich mich nicht mehr. (lacht) Es müsste unbedingt etwas für die Sicherheit der Radfahrer in London getan werden.
Kennt man sich unter den Musikern, die hier wohnen? Musiker sind viel unterwegs. Und es gibt nicht so viele Gelegenheiten, wo man sich treffen könnte. Meine Frau schreibt und arbeitet für eine Zeitung, sie ist oft auf Partys, wenn zum Beispiel neue Bücher erscheinen. Die Plattenfirmen geben keine Party, wenn sie eine neue CD rausbringen. In dem Sinne gibt es keine Musikerszene.
Welche Rolle spielt die klassische Musik in London? Einerseits eine ganz wichtige, wenn man sich die staatlichen Subventionen anschaut: Den größten Posten bekommt das Royal Opera House. Aber auch nur deshalb, weil die klassische Musik in London unter Druck steht. Klassische Konzerte zu besuchen, ist nicht notwendiger Bestandteil eines „kulturerfüllten“ Lebens in London. Wenn man sagt, man liest keine Bücher oder geht nicht in Ausstellungen, wird man nicht als „cultured person“ angesehen – was immer das bedeuten mag. Aber ob man klassische Konzerte besucht oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle. Andererseits: Große Erfolge werden durchaus wahrgenommen. Tom Adès’ Oper The Tempest war ein Riesenerfolg – und Stadtgespräch. Hinzu kommt, dass die Popmusik hier in England enorm wichtig genommen wird, es gibt endlose Debatten darüber, ob sie eine genauso ernsthafte Aufmerksamkeit verdient wie klassische Musik. Das macht vielen klassischen Musikern Angst. Es gibt Artikel, in denen kunstvoll dargelegt wird, warum die Beatles kulturell genauso wertvoll sind wie Schubert. Ich finde die Beatles großartig, aber das ist für mich dann doch noch was anderes als Schubert. Sind Sie einverstanden, wenn man
Sie als Liedsänger bezeichnet, der auch Oper singt? Ich würde sagen: Ich bin Sänger. Oder eher noch: ein Performer, der singt. Aber die Sache ist die: Wenn man eine leichte Tenorstimme hat, bekommt man in der Oper meist langweilige Rollen – mit Ausnahme der Werke von Benjamin Britten, die ich deshalb auch so gerne singe. Im Lied dagegen kann man auch mit einer leichten Stimme dramatisch singen. Und Liedgesang ist für mich dann am besten, wenn er etwas Dramatisches hat, wenn der Sänger sich mit einer Rolle identifiziert.
Die Welt spricht Englisch. Sie haben sich ausgerechnet ein Repertoire ausgesucht, in dem Deutsch dominiert. Und dabei sprechen Sie nicht einmal sehr gut Deutsch, wie Sie sagen. Ich lese und singe Deutsch seit fast 30 Jahren, ich kann mich nur nicht wirklich gut unterhalten auf Deutsch. Ich denke, wenn einem eine Sprache fremd ist, wird sie irgendwie „talismanisch“. Für mich ist Deutsch magisch, jedes Wort hat seine eigene Melodie, es packt mich, weil es mir fremd ist. Und doch muss man, um in einer Sprache zu singen, ganz tief in ihr drin stecken, in ihren Gefühlen. Ich liebe das russische Repertoire, aber wegen der Sprache würde ich es nie singen. Ich fühle mich fast wohler, wenn ich Deutsch singe, als wenn ich Englisch singe. Ich habe irgendwie ein besseres Gefühl dafür, wo ich es in der Stimme platziere. Englisch ist voller merkwürdiger Klänge, verschliffener Vokale. Es ist die große Stärke von Britten, dass er es schafft, die zu vermeiden. Bei ihm klingt Englisch echt. Wenn Sänger Englisch singen, klingt es oft nach einer anderen Sprache.
Aber Englisch ist trotzdem die Sprache der Popmusik.
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